Starkregen im Frühsommer

Ein Rückblick auf die Wetterlage des vergangenen Wochenendes macht
deutlich, daß wir uns de facto bereits im Sommer befinden. An der
Vorderseite eines sog. langwelligen Höhentroges über Westeuropa wurde
mit südwestlicher Strömung warme Meeresluft herangeführt. Die
Tageshöchsttemperaturen lagen am Samstag meist zwischen 17 °C im
Küstenbereich und 26, örtlich 27 °C in Süddeutschland sowie im
Berliner Raum. Am Sonntag kletterten die Temperaturen auf Maxima
zwischen 15 und 20 °C unmittelbar an der See, auf 21 bis 25 °C bei
stark bewölktem Himmel im Westen und auf 25 bis 29 °C im größten Teil
Deutschlands. Wärmster Ort war Jena, an der dortigen Sternwarte
wurden maximal 30 °C registriert.

In die Höhenströmung eingelagerte kurzwellige Störungen
(Tiefdruckgebiete) induzierten Hebungsantrieb und führten
nachmittags, abends und z.T. auch nachts schwerpunktmäßig im
Südwesten und Westen Deutschlands zu Schauern und teils kräftigen
Gewittern, die örtlich Unwettercharakter aufwiesen. Prominentester
Einzelfall dürfte die Gewitterzelle sein, die am Sonntagvormittag
über Nordostfrankreich entstand, durch die Beneluxstaaten zog und
sich zu einer sog. Multizelle entwickelte, in Deutschland zwischen
Eifel, Ruhrgebiet und Niederrhein Schwergewitter brachte und - welch
messtechnisches Glück - sich offenbar ziemlich direkt über der
Station Schneifelforsthaus (50°19'N, 06°26'E, 649 m NN) entleerte. So
wurden dort innerhalb einer Stunde bis 17:00 Uhr MESZ 38 mm
Niederschlag registriert. Die Regenmengen an benachbarten Stationen
hielten sich dagegen deutlich in Grenzen.

Man kann sich leicht vorstellen, daß die Niederschlagsmenge ein sehr
variables meteorologisches Element ist, welches den statistischen
"Normalwert" als Maß aller Dinge ganz besonders gern ad absurdum
führt. Am dramatischsten sind in dieser Hinsicht die Niederschläge,
welche man gemeinhin als "Wolkenbrüche" zu bezeichnen pflegt. In
relativ kurzer Zeit - von einigen Minuten bis zu wenigen Stunden -
fällt dabei schauerartig intensiver Regen, stellvertretend seien hier
10 mm (= L/m²) pro Stunde für markanten und 25 mm pro Stunde für
unwetterartigen Starkregen als Warnschwellen des Deutschen
Wetterdienstes genannt. "Wolkenbrüche" kommen fast ausnahmslos aus
Cumulonimbus-Wolken und damit meistens im Sommer vor. Aufgrund der
dann relativ warmen, feuchten Luft und Dank kräftiger Aufwinde können
sich in Cumulonimben - sowohl in flüssiger als auch in kondensierter
Form - erhebliche Wassermengen ansammeln, und zu großen Teilen auch
wieder abregnen.

Gottlob sind Starkniederschlagsereignisse stets lokal begrenzt. Kurze
Starkregen fließen schnell ab; sie können ein plötzliches Anschwellen
von Flüssen und Kanälen sowie Bodenerosion verursachen. Angaben über
maximale Niederschlagsintensitäten sind auch von ingenieurtechnischem
Interesse, z.B. für die Dimensionierung wasserbaulicher Anlagen.
Schließlich stellen plötzlich auftretende Platzregen auch im
Straßenverkehr ein Problem dar und so mancher Autofahrer hat bereits
unangenehme Bekanntschaft mit Aquaplaning gemacht.


Dipl.-Met. Thomas Ruppert
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 21.05.2012

Copyright (c) Deutscher Wetterdienst

© Deutscher Wetterdienst, Offenbach